Was haben Marcel Mauss, Sheldon Cooper und Sarah Schilliger gemeinsam? Zur Kritik des Helfens

Geflüchteten begegnen – ohne Helfer*in zu spielen

„Auf Augenhöhe sieht man das Gegenüber als Mensch mit vielen Facetten, nicht nur als Geflüchtete oder Schweizerin“ sagt Aysel Korkmaz.  Drei Frauen vom Bieler Begegnungstandem stehen im Bieler Tagblatt Rede und Antwort zu ihren Erfahrungen mit dem Projekt. Lesen Sie hier nach: Auf Augenhöhe im BT.

Das Projekt „Auf Augenhöhe“ habe ich im Sommer 2016 geschrieben, in einer Zeit, in der zivilgesellschaftliches Engagement stark zugenommen hatte, viele neue Freiwillige sich für Arbeit mit Geflüchteten interessierten, und viele neue Projekte aus dem Boden geschossen waren. Hinter einigen Initiativen stand zwar eine gute Absicht, sie widerspiegelten aber eher die Interessen der Freiwilligen, als dass sie wirklich auf die Bedürfnisse von Geflüchteten abgestimmt waren. Nicht selten führte das zu Enttäuschungen: „Ich biete etwas an, und kein Flüchtling kommt,“ hörte ich wiederholt. Andere wiederum erwarteten, dass die reformierte Kirchgemeinde für sie den roten Teppich ausrollt, nachdem sie sich gemeldet hatten mit dem Angebot, Flüchtlingen zu helfen. „Ich biete mich doch als Helfer an, jetzt will ich nicht erst einen Raum suchen oder Material auftreiben müssen“, sagte eine Person, und kam zum Schluss, sich doch nicht freiwillig engagieren zu wollen.

Ich persönlich mag den Begriff „Helfen“ gar nicht, sondern spreche lieber von „Engagement“, denn die Idee des Helfens setzt immer eine ungleiche Beziehung voraus: ich helfe, und jemandem wird geholfen. Dieser jemand wird zum Hilfeempfangenden, und es gibt die unausgesprochene Erwartung, dass diese geholfene Person dankbar zu sein hat, und dass die helfende Person gelobt werden solle. Das führt unweigerlich zu Enttäuschungen: die geholfene Person ist vielleicht gar nicht dankbar, weil sie die gegebene Hilfe nicht braucht, etwas ganz anderes benötigt, oder gerade andere Prioritäten hat, als dankbar zu sein. Die helfende Person hingegen stellt vor lauter „Gutes tun“ möglicherweise das Denken ein, bevormundet das Gegenüber, missversteht, was die Person wirklich braucht, und ist bitter enttäuscht, wenn sie kritisiert oder nicht auf ein hohes Podest gestellt wird. Der Begriff „Helfen“ verführt einem, nicht über die eigenen Motive nachzudenken, sondern er insinuiert, dass man aus purer Nächstenliste, ohne selber etwas zu gewinnen, handelt. Der Ethnologe Marcel Mauss hat 1923/1924 in seinem Essay „Die Gabe“ aufgezeigt, dass jedes Geschenk ein Gegengeschenk verlangt; wenn ich ein Geschenk annehme, akzeptiere ich, dass ich der anderen Person jetzt etwas schulde. Das ist die sogenannte Reziprozität. Oder wie Sheldon Cooper von Big Bang Theory sagen würde: „Du hast mir kein Geschenk gegeben, sondern eine Verpflichtung“ (zum Nachsehen auf Englisch).

Das Bieler Begegnungstandem möchte mit der Haltung „Auf Augenhöhe“ Beziehungen zwischen Geflüchteten und Hiesigen stärken, die auf Gegenseitigkeit beruhen, und nicht auf „Helfen“. Einfach ist das bei weitem nicht: die strukturelle Ungleichheit zwichen den Tandempartner*innen ist eine soziale Realität. Sarah Schilliger, Soziologin am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück, hat zu diesem Thema einen Artikel geschrieben im vom Schweizerischen Roten Kreus herausgegebenen Sammelband „Flüchten – ankommen – teilhaben“ (kann hier bestellt werden). Sie ist am 7. Mai zu Besuch in Biel und diskutiert mit uns über die Fallstricke des Helfens.

Von |29.03.2018|Kategorien: Allgemein|