Es ist Ramadan. Ich faste. Gleichzeitig ist Karwoche. Gleichzeitig ist Pessach. Gleichzeitig sind Kriege. Gleichzeitig ist Frühling. Gleichzeitig flüchten Menschen auf der ganzen Welt, während ich Wäsche aufhänge. Gleichzeitig bin ich auf Beerdigungen. Gleichzeitig werden Kinder geboren, und ich suche in der Do-it-yourself-Abteilung nach Pinsel und Farbe um die dunklen Stellen an meiner Wand zu übermalen. Gleichzeitig frage ich mich, wie weiter mit schwierigen Beziehungen, mit der Polarisierung in der Gesellschaft, mit der Ungleichbehandlung von Menschen? Wie weiter mit der Schule unserer Kinder, mit den Waffenlieferungen, mit dem Rohstoffhandel, mit dem Klimawandel, mit dem Plastikmüll? Wie weiter bei der Zubereitung des Gemüse-Currys auf dem YouTube-Kanal? Wie weiter mit dem Freund, der eine rätselhafte Krankheit hat, die ihm die Erinnerung nimmt? Wie weiter mit der Armut und mit dem Konsumwahn? Wie weiter mit dem Zuviel, wie weiter mit dem Zuwenig? Wie weiter mit dieser Welt? Wie weiter mit uns? Gleichzeitig zwitschern die Vögel, summen die Bienen, spriessen die Blätter, öffnen sich Blüten und Herzen in Gebeten. Nachts und am Tag. Im Stehen, im Sitzen und im Liegen. Laut und leise. Da ist Einer, der grösser ist als alle Sorgen, grösser als das Gestern, grösser als das Morgen. Grösser als die Zeit. Einer der verspricht, dass wer an Ihn glaubt und auf Ihn vertraut, keine Angst und keine Traurigkeit befällt. Einer der sagt, für euch ist gesorgt im Überfluss. Einer, der sagt, esst, trinkt und nutzt die Dinge, die ich für euch erschaffen habe. Aber seid nicht verschwenderisch. Und gebt ab den Armen und Bedürftigen, was ihr selbst an Überfluss habt. Seid nicht hochmütig, sondern dankbar. Seid nicht gewalttätig, und richtet kein Unheil auf der Welt an. Seid geduldig in schweren Zeiten, und vergebt euren Mitmenschen. Da ist Einer, der Sein Wort hält, der unbedingt vertrauenswürdig ist. Ich lese im Koran und in der Zeitung, in der Bibel und in der Bundesverfassung, im Gedichtband von Hilde Domin und in meinen e-Mails: «Glückwunsch, Sie haben den Jackpot von 168 Millionen Dollar gewonnen, …», zum dritten Mal diese Woche. Wegklicken und weiter. Weiter mit mehr Zuversicht, weiter mit dem Vorhaben, dass auch ich mein Wort halten möchte, weiter mit Hingabe, Vertrauen und der Gewissheit, dass ich die Sorgen der Welt nicht allein zu bewältigen habe. Ramadan mubarak und gesegnete Ostern und Pessach!

AMIRA HAFNER-AL JABAJI

(Diese Kolumne erschienen im Bieler Tagblatt am 16.4.2022)