Interreligiöser Dialog mal anders: Aus der Perspektive der Jugend

Wie spirituell sind junge Menschen eigentlich? Welchen religiösen Praxen gehen sie im Alltag nach? Wie empfinden junge Leute die aktuellen öffentlichen Debatten über Religionen und wie beeinflusst das ihren Bezug zu Religion und zum Zusammenleben? Welche Fragen beschäftigen sie?

Der runde Tisch der Religionen bringt seit 16 Jahren Personen verschiedener Religionsgemeinschaften zusammen und engagiert sich für ein friedliches Zusammenleben in der Stadt Biel und Umgebung. Die jährlich durchgeführte Woche der Religionen (4.11-11.11.18) lädt die ganze Stadt dazu ein, über diese Fragen nachzudenken. Junge Menschen werden häufig als die Zukunft gesehen, weswegen sich manche Religionsgemeinschaften z.T. eigennützig um die Jugend kümmern, um ihr eigenes Überleben und ihren Einfluss zu sichern. Nicht zuletzt, weil in der Kindheit und Jugend viele Weichen gestellt werden, welche beeinflussen, welchen Stellenwert Religion und Spiritualität im gesamten Leben einnehmen werden. Wichtiger als den Eigennutz der Erwachsenen zu bedienen ist es aber, die Sichtweisen von jungen Menschen ernst zu nehmen und zu versuchen, die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Während der Woche der Religionen 2017 besuchten auch junge Menschen die Veranstaltungen und interessierten sich brennend für das interreligiöse Zusammenleben. Die Tatsache, dass Religionen, insbesondere der Islam, in der Öffentlichkeit heftig debattiert werden, bewirkt, dass auch junge Menschen mehr wissen und mehr mitdiskutieren möchten. Diese jungen Menschen sind wichtig, weil sie einen grossen Teil der Gesellschaft ausmachen, und ihre Stimmen häufig zu wenig gehört werden.

Woche der Religionen 2018

Die Woche der Religionen 2018 hat deshalb junge Menschen im Fokus. Junge Leute verschiedener Glaubensrichtungen organisieren zusammen mit Jugendarbeiter*innen der reformierten und katholischen Kirche Biel sowie von Tasamouh einen Anlass in der Villa Ritter (7.11). Die jungen Leute bestimmen selber, worüber diskutiert wird, und nehmen die interreligiöse Moderation selber in die Hand. Erwachsene (älter als 22) sind ausnahmsweise nicht willkommen.

Am 11.11. wird der Film ‚Wolkenbruch‘ (2018) gezeigt, basierend auf dem Roman von Thomas Meyer. Auf humorvolle Weise nähert sich der Film der Frage des Erwachsenwerdens in einer pluralistischen Gesellschaft. Im Anschluss diskutieren junge Leute mit dem Publikum über die Liebe über Religionsgrenzen hinweg. Details und Infos zu den weiteren Anlässen finden Sie hier.

Religionslose Jugend?

Mit vielen der eingangs formulierten Fragen hat sich das Nationale Forschungsprogramm ‚Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft‘ (NFP 58) beschäftigt. Für Jugendliche in der Schweiz wird Religion vor allem in schwierigen Lebenssituationen und bei der Suche nach dem Sinn des Lebens wichtig, zeigen die Ergebnisse des Forschungsprogramms. Kinder orientieren sich tendenziell an den religiösen Vorgaben der Familie, in der Adoleszenz hingegen entwickeln Jugendliche meist eine flexible und individuelle Haltung zu Religion. Religion kann ihnen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ermöglichen und es ist für viele eine Form, Kultur zu leben. Eigentlich religiös sind aber eher wenige, und selbst bei muslimischen Jugendlichen ist es nur für eine Minderheit wichtig, religiöse Symbole wie das Kopftuch zu tragen. Dennoch glauben laut NFP 58 die meisten Jugendlichen an Gott oder etwas Göttliches.

Öffentliche Wahrnehmung des Islam

Muslimische Jugendliche stehen laut Religionsforscher Samuel Bahloul, der am 6.11. im Neuen Museum Biel zu Gast sein wird, besonders im Fokus der medialen und politischen Aufmerksamkeit. Eines seiner Forschungsprojekte zeigte, dass die dauernde öffentliche Thematisierung des Islam das Leben und die Aktivitäten muslimischer Jugendlicher prägt, die knapp 40% der muslimischen Wohnbevölkerung ausmachen. In die Schule und zur Lehre zu gehen, bedeutet für sie, sich immer auch zu diesen Islam-Debatten positionieren zu müssen, ob sie das wollen oder nicht. Viele machen das kreativ und verwenden je nach Kontext (Schule, Familie, soziales Umfeld) andere Strategien. Die Kreativität und die Flexibilität, mit der junge Menschen mit Religionen, Kulturen und Identitäten umgehen, sind wichtige Kompetenzen, von denen Erwachsene lernen können. Anstelle von Schwarz-Weiss-Denken («der Islam ist so, das Christentum so») bietet die Woche der Religionen deshalb  Gelegenheiten für interkulturelle Begegnungen und interreligiöse Gespräche, die Vielfalt und Zwischentöne ins Zentrum rücken.

Barbara Heer, Studienleiterin Arbeitskreis für Zeitfragen & Koordinatorin runder Tisch der Religionen

 

Quellen:
S. Behloul (2017): Muslimische Jugendgruppen in der Schweiz und ihre Aktivitäten. Informationsblatt relinfo 2017 (1-2), S. 13-22.
Diverse Abschlussberichte zum NFP 58, www.snf.ch

Von |18.10.2018|Kategorien: Allgemein|