Sexualität – (k)ein Thema für die Kirche?

Sexualität geht uns alle an. Auch Christ*innen leben in Beziehungen, profitieren von medizinischen Errungenschaften, engagieren sich für Menschenrechte, insbesondere auch für die Rechte von Frauen, von Minderheiten und leiden an Vorurteilen anderer. 

Beziehungsformen haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert,  Geschlechterrollen wurden thematisiert, Gleichstellung in Paarbeziehungen ist heute möglich. An diesem Wandel haben sich auch die Reformierten beteiligt. So hat die reformierte Kirche dank der ökumenischen Frauenbewegung und der Pfarrerinnen, der Denkarbeit um Gender herum einiges gelernt. Feministische Befreiungstheologien haben auch in den Kirchgemeinden Einzug gehalten. Der Queer-Community verdankt die Kirche eine Befreiung von menschenverachtenden und einengenden Mustern. LGBTI steht allgemein für Lesbische, Schwule, Bisexuelle, trans- und intersexuelle Menschen und für alle Farben im Regenbogen der Sexualitäten.

Sexualität und Kirche wurde und wird aber immer wieder zusammen mit Skandalen um Gewalt und Missbrauch thematisiert. Missbräuche sind klar zu benennen und Konsequenzen sind daraus zu ziehen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, positive Entwicklungen zu fördern. Der Arbeitskreis möchte zur Transformation in eine gerechtere, offene, partizipative Gesellschaft beitragen.

Darum fragen wir:

  • Wie steht es heute mit unseren christlichen Werten wie Liebe, Zuverlässigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit?
  • Sprechen wir Minderheiten positiv an und lernen von ihrem Kampf um Gerechtigkeit?
  • Sehen wir die Menschen in ihrer Vielfalt, in ihren Beziehungsformen und unterschiedlichen Bedürfnissen?
  • Ist die Bibel ein Wegweiser in Richtung Gerechtigkeit und Menschlichkeit? Wie lesen wir, wie nutzen wir ihr Potential?
  • Wie steht es mit christlicher Selbstkritik, da die Kirchen oft an einer rassistischen, sexistischen, homophoben Gesellschaft Teil hatten?
  • Wohin wollen wir uns als Kirche, als Gesellschaft, als Gemeinde, persönlich bewegen?

 „Vorsicht Tabu – Videogespräche zu Bibel, Kirche und Sexualität“
Eines unserer ersten Projekte entstand während des Lockdowns: Geneva Moser, Noël Tshibangu und Luzia Sutter Rehmann entwickelten eine fünfteilige Blog-Serie:

1 – Kirche und Sexualität. Ein Gespräch beginnt

2 –Bibel und Homosexualität

3 – Ehe für alle.

4 – Beziehungsnetze in der Bibel

5 – Wie weiter?

Seit dem Herbst 2019 ist der Arbeitskreis für Zeitfragen daran, einen „Thinktank Sexualität im kirchlichen Kontext“ aufzubauen. Engagierte Personen aus Biel und von weiter weg setzen sich zusammen an einen Tisch und suchen das Gespräch miteinander, machen strittige Punkte aus und bearbeiten aktuelle Fragen.

Für die Reformierten ist es grundlegend, nach der Bibel als Orientierungshilfe zu fragen. Darum planen wir auch, Kurse und Lektüren, die sich diesen Themen stellen.

Hintergrund zum Kernbereich: 

Die Geschichte der Kirche ist immer auch ein Spiegel für das, was in einer mehrheitlich christlichen Gesellschaft läuft und was nicht. Das öffentliche Bild der Kirche wurde teilweise aufgrund der negativen Vorfällen und Machtmissbrauch Einzelner zum Teil sehr beschädigt. Seit den 1970er Jahren ist dennoch vieles rund um Sexualität in Bewegung gekommen. Hier ein paar Beispiele:

  • Die Ehe für alle ist vom Parlament gutgeheissen worden (am 9.6.20). Damit sind alle Paare in der Schweiz endlich gleichgestellt. Lädt die reformierte Kirchgemeinde homosexuelle Paare ein,  freut sie sich mit ihnen über diesen grossen Schritt – oder schweigt sie einfach?
  • Vorehelicher Sex wird nicht mehr als Sünde bezeichnet. Scheidung ist kein moralisches Versagen mehr. Überhaupt zeigt man nicht mehr mit dem Zeigefinger… gottlob, das hat aufgehört. Was ist der Beitrag der reformierten Kirche (s. ref.ch) zur Demokratisierung der Rechte, zur Gleichstellung der Geschlechter, zu mehr Gerechtigkeit?
  • Verhütung war kirchlicherseits lange verpönt oder nur verschämt zugelassen. Die Pille feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag – ist das ein Grund zum Feiern? Verhütung wurde einfach, Frauen wurden nicht mehr so schnell ungewollt schwanger. Das ist eine grosse Errungenschaft. Doch wo bleibt die Pille für den Mann?
  • Dank dem Druck der Frauen auf der Strasse und im Parlament wurde der Mutterschaftsurlaub möglich, die Anrechenbarkeit der Familienarbeit für die AHV u.v.m. Die Evangelische Kirche Schweiz (EKS) setzte sich auch mit Schwangerschaftsabbruch auseinander.
  • Setzt die reformierte Kirche sich auch für Gleichstellung der Väter ein, z.B. für einen Vaterschaftsurlaub?

Luzia Sutter Rehmann und Noël Tshibangu