Die Endlichkeit gehört zum Menschsein – höchste Zeit, darüber zu sprechen!

Anlässlich des schweizweiten Festivals endlich.menschlich. – der Woche zum Leben mit dem Tod (24. Okt. bis 1. Nov.) – setzen wir uns mit Fragen rund um das Lebensende auseinander. In Biel beginnen wir mit endlich.menschlich.biel. bereits am 15. Oktober.
Mit drei Referaten und einer Führung im Krematorium wird den Themen Sterben, Tod und Trauer aus verschiedenen Perspektiven Raum gegeben. Damit soll ein Gespräch darüber eröffnet werden, was ein menschenwürdiges Lebensende bedeuten kann.
Unser Leben im Hier und Jetzt verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit – und im Sinne einer Ars vivendi, einer Kunst des Lebens, ist dies auch gut so. Während für die einen Sterben aus bestimmten Gründen eine wünschenswerte Perspektive sein kann, denken andere nur ungern daran, dass uns mit dem geschenkten Leben zeitgleich auch seine Endlichkeit gegeben ist. Das Leben mutet uns Menschen zu – ob wir wollen oder nicht – uns irgendwann mit dieser Thematik zu befassen. Denn das Lebensende betrifft uns ausnahmslos alle.

Ars moriendi als Teil der Ars vivendi
Gerade der Gedanke an das eigene Lebensende kann Angst machen. Die Themen Sterben und Tod werden deshalb manchmal möglichst weit hinausgeschoben oder verdrängt. Dabei gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit zum Menschsein dazu. Zu den Herausforderungen am Lebensende gehört der Umgang mit den drängenden seelischen, psychischen oder existenziellen Fragen.
Wie lässt sich also die Ars moriendi als Teil und zugleich als Vertiefung der Ars vivendi verstehen – als eine Kunst des Sterbens, die bereits im Leben beginnt? „Der Entscheid, sich mit Endlichkeit, Sterben und Tod auseinanderzusetzen, ist ein willentlicher Akt“ (Fernanda Vitello, lic.phil. Psychologin). Darin kann ein wichtiger Schritt liegen: Es entsteht Raum für die „uns angeborene Trauerfähigkeit. Wird der Trauerprozess zugelassen, lernt man, mit der Trauer zu leben und es wird wertvolle Lebensenergie befreit.“

Zwischen medizinischen Möglichkeiten und menschlicher Würde
Was aber kann dies bedeuten im Lichte der Selbstverständlichkeit moderner medizinischer Möglichkeiten? Wie kann im Spannungsfeld zwischen medizinisch Möglichem und menschlich Sinnvollem ein guter Weg gefunden werden? „Die Aufgabe der Medizin am Lebensende ist, den Menschen und seine Bedürfnisse wieder ins Zentrum zu rücken. Das Lebensende ist nicht ganz viel Medizin mit ein bisschen Mensch, sondern etwas zutiefst Menschliches mit ein wenig Medizin darum herum“ (Dr. med. Nadine Wiedmer). Vielleicht verschmelzen Ars vivendi und Ars moriendi gerade dort, wo das Leben weder unnötig gegen die eigene Würde verlängert noch vorschnell verkürzt wird und das Sterben als Teil des Lebens verstanden werden kann.
Und in jedem Fall: Wenn das Leben als befristet akzeptiert wird. Eine solche Auseinandersetzung muss nicht erst am Lebensende beginnen. Sie kann bereits mitten im Leben ihren Platz haben. Wer die Endlichkeit anzuerkennen beginnt, gewinnt möglicherweise einen anderen Blick auf das eigene Leben und lebt bewusster.

Den grossen Fragen Raum geben
Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben oder der eigenen Spiritualität kann dazu beitragen, existenzielle Krisen zu bewältigen und neue Orientierung zu finden. Als eine theologische Perspektive auf Sterben und Tod „spannen Jesu letzte Worte am Kreuz das weite Feld menschlicher Erfahrungen auf. Matthäus und Markus zitieren Psalm 22 und lassen ihn schreien: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’ Nach Lukas betet er getrost: ,Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist.’ Und im Johannesevangelium stellt er fest: ,Es ist vollbracht.’ Eine lebensfreundliche Theologie nimmt all diese Dimensionen ernst. Und stellt die grossen Fragen: Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir?“ (Pfrn. Dr. Theol. Claudia Graf).

Vertrauen, das trägt
Vor dem Hintergrund einer lebenszugewandten Konfrontation mit der Endlichkeit liegt vielleicht gerade hier eine Form von Hoffnung: Nicht auf alle Fragen eine Antwort haben zu müssen, sondern darauf vertrauen zu dürfen, dass unser Leben und Sterben getragen ist. „Ich glaube an die Erfüllung des Lebens über unser Leben hinaus“, stellte Kurt Marti fest. In diesem Sinne kann Vertrauen wachsen – in das Leben und auch in das Sterben.

Anna Wyss, Pfarrerin

In der Agenda oder auf dem Flyer finden Sie mehr Infos zu den 4 Anlässen in Biel.