Ökumenische Kampagne 2026

Veranstaltungen zur Kampagne sind in der Agenda zu finden.

Seit letztem Sommer wird meiner Familie einmal die Woche ein Gemüse-Abo geliefert. Eine Kiste voller Gemüse, das auf dem wenige Kilometer entfernten Bauernhof wächst und kurz vor der Lieferung geerntet wurde. Ich habe schon einige Sorten neu kennen gelernt und mich schlau gemacht, wie sich das Gemüse schmackhaft zubereiten lässt Ich freue mich jede Woche auf die neuen Entdeckungen und über die Vielfalt, die da ganz nahe bei mir wächst und gedeiht. Wunderbar – für mich und für die Landwirtschaft! Und damit auch für das ökologische Gleichgewicht, die Böden und das Wasser in der Umgebung dieses Hofes, wo die Lebensmittel produziert werden.

Die Vielfalt ist entscheidend

Denn eine Vielfalt an Sorten, besonders auch an alten, ist von grosser Bedeutung: Die richtige Sorte am richtigen Ort braucht weniger Pestizide und Dünger und ist weniger anfällig auf klimatische Extremereignisse und Krankheiten – sie ist resistenter. Gerade angesichts der globalen Erwärmung ist die genetische Vielfalt daher die beste Versicherung für die Zukunft.

Diese Vielfalt verdanken wir denjenigen Bäuerinnen und Bauern, die ihr Saatgut seit Jahrtausenden weiterentwickelt und gehütet haben. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas basiert die Landwirtschaft nach wie vor auf dem eigenen Saatgut, das die kleinbäuerlichen Familien aus ihrer Ernte gewonnen, mit den Nachbar:innen getauscht oder auf dem lokalen Markt erworben haben. Diese traditionelle Praxis produziert nicht nur Vielfalt, sie verbessert auch die Ernährungssicherheit.

… und bedroht

Doch diese Vielfalt ist nur noch ein trauriger Rest von dem, was sie einmal war. Laut der Welternährungsorganisation FAO ist in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt verloren gegangen. In einem konkreten Beispiel heisst das: In Indien gab es in den 1960er Jahren 110’000 Reissorten, davon sind noch 6000 übrig. Das ist ein Verlust von 95 Prozent! Und nur gerade 10 Sorten werden im grossen Stil angebaut und dominieren drei Viertel der weltweiten Reisproduktion.

Grund für den rasanten und markanten Rückgang der Vielfalt ist die Industrialisierung der Landwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg, welche auch bedeutete, dass sich die Privatwirtschaft stärker in die Agrarforschung eingab. Tausende kleiner Saatgutfirmen wurden von wenigen grossen gekauft, so dass heute der globale Saatgutmarkt in den Händen ganz weniger ist – die zugleich Pestizide absetzen. Es ist ihnen durch politisches Lobbying auch gelungen, Regelungen durchzubringen, die Saatgutvielfalt einschränken, indem zum Beispiel Bäuerinnen und Bauern verboten ist, Saatgut zu tauschen oder zu verkaufen; auch aus eigener Ernte Saatgut für die nächste Aussaat zu verwenden, ist nicht überall möglich.

Dies widerspricht dem in Deklarationen der UNO verbrieften Recht auf Saatgut fundamental und wird von HEKS und Fastenaktion scharf kritisiert. Denn: wer Saatgut hat, kann Zukunft säen. In einem kleinen Samen steckt viel. Steckt Nahrung und damit die Möglichkeit auf ein Leben in Würde.

Das Senfkorn

Jesus fragt in einem Gleichnis seine Zuhörerenden, womit sich das Reich Gottes vergleichen lasse, und er tut dies mit einem Bild aus der Landwirtschaft, die das Leben der meisten Menschen bestimmte. Bei Matthäus liest sich das so „Das Reich Gottes ist mit einem Senfkorn zu vergleichen, das ein Mensch in seinen Acker säte. Es ist kleiner als alle Samen, wenn es jedoch ausgewachsen ist, wird es die grösste aller Gartenpflanzen. Es wird zu einem Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen wohnen.«

Ein winzig kleines Samenkorn, kleiner als alle anderen. Es wird zu einem grossen Baum. Spender von Nahrung für die Menschen, aber auch Raum für die Vögel und andere Tiere. So viel Leben steckt in einem kleinen Samen. Zukunft und damit Hoffnung. Für alles, was lebt, auch uns Menschen, hier in Biel und im Niger, mit denen wir durch das Projekt des HEKS, das wir finanziell unterstützen, in diesen Monaten besonders verbunden sind.  Die Kampagnezeit lädt ein, zu sehen und zu handeln – sich mit Saatgutvielfalt und ihrer Bedrohung auseinander zu setzen und zu überlegen, wo wir in unserem Leben kleine Veränderungsschritte gehen können. Auf dem Weg hin zu Ostern, der Auferstehung, dem Aufblühen von Leben. 

Gabriela Allemann

 

© Fotos: HEKS