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Der Wochenkommentar von Dieter Stamm vom 23. Mai 2026 im ‘Bieler Tagblatt’ gibt Anlass, auch an dieser Stelle unsere Sichtweise einzubringen. Die Frage nach der Rolle der Kirchen in einer zunehmend säkularen Gesellschaft ist berechtigt und wichtig. Der Vergleich mit Unternehmen greift eine Perspektive auf, die eine differenzierte Betrachtung verdient.
Die Reformierte Kirchgemeinde Biel entwickelt ihr Angebot laufend weiter und richtet es an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort aus. Kirche zeigt sich heute nicht nur im Gottesdienst, sondern ebenso in der Sozialberatung, in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen sowie in Engagements wie der Gassenarbeit oder im Haus pour Bienne, um nur einige zu nennen. Oft geschieht dies niederschwellig und auch dort, wo staatliche Strukturen an Grenzen stossen, etwa bei besonders verletzlichen Gruppen wie Sans Papiers.
Ein zentraler Teil dieser Arbeit ist die Seelsorge. Sie steht allen Menschen offen. Wer in Trauer ist, wer eine Krise erlebt oder Halt sucht, findet hier ein Gegenüber. Unabhängig von Herkunft, religiöser Zugehörigkeit oder finanziellen Möglichkeiten. In diesem Sinne leisten auch Unternehmen mit ihren Steuerbeiträgen einen wichtigen solidarischen Anteil an dieses offene Angebot.
Die im Kommentar verwendete Metapher des Sauerteigs ‘als Gleichnis für eine schleichende Verschlechterung’ lässt sich auch als Hinweis auf eine leise, aber wirksame Kraft verstehen, die das Ganze durchdringt. Vieles von dem, was Kirche heute leistet, geschieht im Stillen und wird in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen. Vielleicht gilt auch für uns: Tue Gutes und sprich darüber. Wenn sichtbarer wird, wo und wie Kirche wirkt, kann sich das Bild schrittweise verändern. Auch hier kommen wir gemeinsam weiter.
In der letztjährigen Jahresrechnung schlagen unsere Beiträge an soziale Institutionen mit einer halben Million zu Buche. Da gehören die Gassenküche, Elternberatung und soziale Integrationsangebote für Neuzuziehende sowie kulturelle Angebote u.a. für die Jugend dazu.
Wir nehmen die angestossene Diskussion ernst und führen sie gerne. Aus unserer Sicht gewinnt sie dort an Qualität, wo sie auf Augenhöhe und mit gegenseitiger Wertschätzung geschieht und die Vielfalt der Beiträge sichtbar bleibt.
Zur Diskussion gehört auch ein oft übersehener Aspekt: Kirchen sind Teil des lokalen Wirtschaftskreislaufs. Der Unterhalt historischer Gebäude sowie zahlreiche Dienstleistungen führen zu Aufträgen für Handwerks-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe in der Region.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer zukünftig Verantwortung für Aufgaben übernimmt, die über das rein marktwirtschaftliche Verständnis hinausgehen. Dazu gehören neben sozialen Leistungen auch der Erhalt kulturell bedeutender Räume.
Für mich persönlich ist das Engagement in der Kirche Ausdruck gelebten Glaubens. Es bedeutet, sich nicht nur auf das Eigene zu konzentrieren, sondern Verantwortung im unmittelbaren Umfeld zu übernehmen.
Viele von uns leben hier in Biel in stabilen und privilegierten Verhältnissen. Daraus erwächst auch eine Verantwortung füreinander und für weniger Privilegierte.
Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt im Kleinen. Im Zuhören, im Dasein, im Ernstnehmen des Gegenübers. Die Reformierte Kirchgemeinde Biel versteht sich als Teil dieser gelebten Solidarität und schafft Räume, in denen genau dies möglich ist.
Mirjam Banholzer, Präsidentin der Reformierten Kirchgemeinde Biel