Sprache bewusst gestalten
Sprache prägt, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir über Menschen denken und wie wir miteinander umgehen. Sie kann Verständigung fördern, Zugehörigkeit schaffen und Vielfalt sichtbar machen. Gleichzeitig kann sie Ausgrenzung, Stereotype und Ungleichheiten verstärken – oft unbewusst und durch Formulierungen, die lange als selbstverständlich galten. Gerechte Sprache setzt deshalb dort an, wo Sprache gesellschaftliche Wirklichkeiten mitgestaltet. Sie möchte Menschen in ihrer Vielfalt sichtbar machen, Diskriminierungen sensibel begegnen und die Menschenwürde achten. Dazu gehört Geschlechtergerechtigkeit ebenso wie ein respektvoller Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensweisen und Erfahrungen.

Aus der eigenen Geschichte lernen
Mission 21 hat im Rahmen eines organisationsinternen Lern- und Reflexionsprozesses einen Leitfaden für gerechte Sprache entwickelt und stellt diesen auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Dabei spielt die eigene Geschichte eine wichtige Rolle: Die Organisation ist aus der Missionstätigkeit hervorgegangen, die eng mit kolonialen Strukturen und Vorstellungen verbunden war. Sprache war in diesem Zusammenhang sowohl ein Mittel der Verständigung als auch der Ausgrenzung und Machtausübung. Diese Vergangenheit versteht Mission 21 als Auftrag, die eigene Sprache kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für deren Wirkung zu übernehmen.

Viele Begriffe und Sprachbilder aus früheren Zeiten wirken bis heute nach. Bezeichnungen oder Darstellungen von Menschen aus dem globalen Süden transportieren teilweise weiterhin Vorstellungen von Überlegenheit, Abhängigkeit oder Hilfsbedürftigkeit. Auch gut gemeinte Formulierungen können Hierarchien festigen und Begegnungen auf Augenhöhe erschweren. So ist es ein Unterschied, ob wir davon sprechen, dass viele Frauen eine Berufsausbildung erhalten oder ob viele Frauen eine Berufsausbildung absolvieren. Von passiven Empfängerinnen werden sie zu aktiv Ausübenden.
Deshalb richtet sich der Blick nicht nur auf einzelne Wörter, sondern auch auf die Bilder, Perspektiven und Rollenverständnisse, die durch Sprache vermittelt werden.

Einladung zu einem gemeinsamen Lernprozess
Der Leitfaden versteht sich nicht als starres Regelwerk, sondern als praxisnahes Werkzeug für Reflexion und Orientierung. Er richtet sich an Organisationen, Bildungseinrichtungen, Kirchgemeinden und alle, die sich mit gerechter Sprache auseinandersetzen möchten. Im Zentrum steht die Frage, wie Sprache bewusster und verantwortungsvoller eingesetzt werden kann, um Teilhabe zu fördern und Vielfalt sichtbar zu machen.

Ein Beispiel ist die Frage nach dem Gebrauch von «Wir»: Wer ist mitgemeint? «Wir in der Schweiz geniessen einen hohen Sicherheitsstandard» klingt neutral, macht aber den «hohen Sicherheitsstandard» zu einer Norm, von der in Realität nicht alle profitieren. Beispielsweise erleben Menschen mit Migrationshintergrund häufiger Diskriminierung in der Schweiz und sind dadurch nachgewiesenermassen weniger sicher.
Differenzierter und korrekt wird der Satz mit einer kleinen Änderung: «Viele Menschen in der Schweiz geniessen einen hohen Sicherheitsstandard.» Damit wird sichtbar, dass nicht alle profitieren.

Mission 21 hat die Erfahrung gemacht, dass das Hinterfragen eigener Sprachgewohnheiten auch Unsicherheit oder Unbehagen auslösen kann. Solche Reaktionen gehören dazu und sind Teil eines Lernprozesses, in dem Gewohnheiten hinterfragt, Perspektiven erweitert und neue Ausdrucksweisen erprobt werden. Gerechte Sprache, und damit, so die Überzeugung, auch eine gerechtere Gesellschaft, entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch die Bereitschaft, zuzuhören, dazuzulernen und Verantwortung für das eigene sprachliche Handeln zu übernehmen.

Maria Ocaña

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