Radikale Menschlichkeit
Diese, so der Fotojournalist und Philosoph Klaus Petrus, sei das Gegenrezept zu Polarisierung und Radikalisierung, die beunruhigend zunehmen.
Sehe ich im Menschen, der mir gegenübersteht, das Menschliche – und nichts anderes – das, was uns eint, nicht das, was uns trennt, so kann ich nicht hassen, nicht ausgrenzen.

Klaus Petrus mit SchülerInnen während einer Führung durch die Ausstellung

Es ist diese Botschaft, die in jedem der über hundert Bilder, Zitaten von Geflüchteten, Reflexionen des Fotografen sowie klaren Statements steckt, die in der Stadtkirche einluden zu einem neuen Blick auf Flucht und geflüchtete Menschen.
Während knapp zwei Wochen nahmen die Bilder und Texte die Besuchenden mit auf die Balkanroute. Auf diesem Weg machen sich seit Beginn der 2010er-Jahre vor allem Menschen aus Afghanistan, Iran, Syrien und der Türkei auf die Suche nach Schutz und einer sichereren Zukunft in Europa. Doch nicht alle erreichen ihr Ziel. Gerade diese schmerzliche Realität wird durch die eindrücklichen Aufnahmen spürbar, die eine persönliche Verbindung zu den porträtierten Menschen entstehen lassen.
Der Aufbruch ins Ungewisse, das Zurücklassen der Liebsten, die Überlegungen, was mitzunehmen ist für eine solch strapaziöse Reise, die brüchigen Freundschaften und Bündnisse auf dem Weg, die Gewalt, die Armut, das Elend, doch auch die unbeschwerten, entspannten Momente werden explizit wie auch implizit gezeigt und lassen tief berührt zurück.
Durch die Bilder und Texte bekommen wir eine Ahnung davon, welch tiefe Spuren in den Seelen der Menschen eine solche Flucht hinterlässt. Und von welch grosser Bedeutung es ist, wenn ein Ankunftsland sensibel mit diesen Erfahrungen – Traumata – umgeht.

Gegen Pauschalisierung
Darüber tauschten sich anlässllich eines Podiums – an einem der heissesten Abende dieses Sommers – Fachpersonen aus der Arbeit mit Geflüchteten, der Fotograf und ein Geflüchteter mit dem Publikum aus. Es ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit, gegen die Pauschalisierung „der Flüchtlinge“ einzustehen, für die vielfältigen Gründe von Flucht zu sensibilisieren und gerade auch junge Menschen mit den Realitäten Geflüchteter zu konfrontieren.
Einige Lehrpersonen konnten mit ihren Klassen bei einer Führung mit Klaus Petrus erleben, wie die Kinder und Jugendlichen engagiert und bewegt Fragen stellten und diese Spuren, die bestimmt auch viele ihrer Freund:innen kennen und in sich tragen, an sich heranliessen.

Konzert des Mundartrappers Nativ als Schlusspunkt am First Friday

Konzert des Mundartrappers Nativ als Schlusspunkt am First Friday

In allen Menschen Gott
Die Vernissage war geprägt von persönlichen, berührenden Worten und feinem libanesischem Essen, nachdem im Gottesdienst zum nationalen Flüchtlingstag an die jüdisch-christliche Überzeugung erinnert wurde, in allen Menschen das Antlitz Gottes zu sehen und sich entsprechend einzulassen auf sie.
Der Mundartrapper Nativ setzte einen fulminanten Schlusspunkt und brachte mit seinen sozialkritischen Texten und dem pulsierenden Beat die Stadtkirche zum Tanzen und Mitsingen.

Spuren der Flucht – die Ausstellung hat auch in mir Spuren hinterlassen und ich vermute, in vielen, die sie gesehen haben.
Die Radikale Menschlichkeit zu leben, als Einzelne, als Gemeinschaft, als Kirche, als Staat, ist die Herausforderung unserer Zeit. Uns ihr zu verweigern ist eine Absage an all unsere humanitären und religiösen Traditionen und Überzeugungen.Uns ihr zu stellen, beschenkt mit neuen, überraschenden Erfahrungen.

Welche Spuren hat die Ausstellung in Ihnen hinterlassen, liebe Leser:innen?

Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Ihre Anregungen für zukünftige Aktivitäten des Arbeitskreises für Zeitfragen mit uns, wir freuen uns auf den Dialog!

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