Stefan Zweig (28.11.1881 – 23.02.1942) war ein österreichischer Schriftsteller, Übersetzer und Humanist. ‘Die Welt von Gestern’ ist eine Art Autobiographie, aber nicht nur. Zweig selbst stellt sich nicht in den Mittelpunkt, er erzählt die Geschichte einer ganzen Generation.
Einer Generation, die zwei Weltkriege und das dritte Reich erlebt hat und Zweig selbst dreimal Haus und Existenz gekostet und ihn, den Österreicher, den Juden, den Schriftsteller, den Humanisten und Pazifisten mit dramatischer Vehemenz ins Leere geschleudert hat.
Aber wie gesagt, um ihn geht es ihm nicht. Es geht Zweig darum, aufrichtig und unbefangen ein Porträt des Europas vor dem Ersten Weltkrieg, der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und des unaufhaltsamen Niedergangs der Welt zu zeichnen. Es geht ihm darum, die Kräfte, die Europa in den Abgrund rissen, zu analysieren.
Das Buch beginnt in Wien, beschreibt eine Zeit des Glaubens an den wissenschaftlichen, sozialen und moralischen Fortschritt; man glaubte an die unfehlbar bindende Kraft der Toleranz und Konzilianz.
Dieser Glaube sollte erschüttert werden. Anhand der Freundschaften, die Zweig, der viel reiste, mit Schriftstellern, Künstlern und politischen Akteur:innen verband, wird der Leser, die Leserin durch die Geschichte von 1881 bis 1942 geführt. Wir begegnen Hugo von Hoffmannsthal, Rilke, Rodin, Romain Rolland, Bertha von Suttner, Jean Jaurès und vielen anderen. Und erleben mit Zweig, wie Freundschaften zerbrechen, weil man plötzlich mehr Franzose, mehr Deutscher als Poet und Künstler ist, weil letztlich nur noch die Nationalität zählt.
Wir haben das Buch gemeinsam im Lesetreff gelesen. Und es ist passiert, was in den über drei Jahrzehnten Lesetreffgeschichte noch nie passiert ist: wir haben nach den vier üblichen noch zwei Gesprächsmorgen angehängt.
Das Buch ist in klarer, fast asketischer Sprache geschrieben. Und es ist so dicht, dass es unmöglich ist, Kapitel einfach zu übergehen. Sechs Wochen hat uns das Buch begleitet und beschäftigt, die meisten darüber hinaus.
Es ist ein literarisches Werk, es ist ein Geschichtsbuch, es ist eine soziale und politische Analyse von zerstörerischen Kräften wie Nationalismus und Faschismus.
Das Buch ist ein Spiegel, der uns zeigt, wie schnell Gesellschaften, Zivilisationen zerbrechen können. In diesem Sinn ist das Buch auch eine Mahnung, es beschreibt Muster und Mechanismen, die auch heute aktuell sind.
Fazit im Lesetreff: das Buch ist zutiefst beeindruckend, ein Vermächtnis mit zeitloser Relevanz.
Kursiv: Originalton Zweig
Text: Susie Saam, Foto: Fischer Verlag
Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-21152-4